Gestern, Heute, Morgen

Eines Tages betrat der Gesandte Allahs (sav) die Moschee und sah dort Abu Umama aus den Reihen der Ansar sitzen. Er fragte ihn: „O Abu Umama! Ich sehe dich in der Moschee sitzen, obwohl noch nicht die Zeit des Gebets gekommen ist. Was ist der Grund dafür?“ (Hier sollten wir nicht unerwähnt lassen, wie aufmerksam der Gesandte Allahs (sav) die Sorgen der Menschen wahrnahm, selbst wenn diese für andere nicht unmittelbar sichtbar waren, und wie er sich in seiner Führungsverantwortung jedem Einzelnen persönlich widmete.) Abu Umama antwortete: „Meine Sorgen und meine Schulden, o Gesandter Allahs!“ (Diese Antwort zeigt, dass die Not und Ausweglosigkeit, in die Abu Umama geraten war, ihn zutiefst bedrückten und dass er seine Bemühungen, einen Ausweg aus seiner Lage zu finden, aufgegeben hatte.) Daraufhin sagte der Gesandte Allahs (sav): „Soll ich dich ein Wort lehren, durch das Allah deine Sorgen beseitigt und dir ermöglicht, deine Schulden zu begleichen?“ Er antwortete: „Ja, o Gesandter Allahs.“ Der Gesandte Allahs (sav) sagte: „Sprich morgens und abends: ‚O Allah! Ich suche Zuflucht bei Dir davor, über die Vergangenheit traurig zu sein und mir Sorgen um die Zukunft zu machen. Ich suche Zuflucht bei Dir vor Unfähigkeit und Trägheit. Ich suche Zuflucht bei Dir vor Feigheit und Geiz. Ich suche Zuflucht bei Dir davor, von Schulden erdrückt zu werden und unter der Last der Menschen zu stehen.‘“ Später sagte Abu Umama: „Ich sprach dieses Bittgebet, und Allah beseitigte meine Sorgen und ermöglichte es mir, meine Schulden zu begleichen.“ (Abu Dawud, Witr, 32)

 Allah beharrlich um Hilfe zu bitten, um Heilung zu erlangen, bedeutet, unseren Blick von der Negativität abzuwenden und ihn auf das Positive und die Hoffnung zu richten. Dazu müssen wir die nutzlose Traurigkeit und die Sorgen, die sich zu unbegründeten Ängsten entwickeln, beiseitelegen und uns auf das konzentrieren, was wir heute tun können. Wenn es sein muss, kann dies auch einfach darin bestehen, zu beten. 

Der erste Satz des Bittgebets beinhaltet, nicht zuzulassen, dass negative und für die Gegenwart unproduktive Gedanken über die Vergangenheit und die Zukunft unsere heutige Gemütsverfassung beeinträchtigen. Er macht deutlich, dass es etwas Negatives ist, vor dem man bei Allah Zuflucht suchen sollte, wenn Gefühle der Trauer und Sorge uns lähmen. Wenn diese beiden Gefühle nicht innerhalb vernünftiger Grenzen bleiben und eine konstruktive Rolle bei der Verbesserung des Heute übernehmen, sondern dazu führen, dass wir alles aufgeben und uns in eine Ecke zurückziehen, hat die Situation einen krankhaften Zustand angenommen. Allah beharrlich um Hilfe zu bitten, um Heilung zu erlangen, bedeutet, unseren Blick von der Negativität abzuwenden und ihn auf das Positive und die Hoffnung zu richten. Dazu müssen wir die nutzlose Traurigkeit und die Sorgen, die sich zu unbegründeten Ängsten entwickeln, beiseitelegen und uns auf das konzentrieren, was wir heute tun können. Wenn es sein muss, kann dies auch einfach darin bestehen, zu beten. 

Aus dem Bittgebet, das unser Prophet (sav) uns gelehrt hat, können wir verstehen, dass wir uns, um dem heutigen Tag gerecht zu werden, vor Geiz hüten müssen. Ebenso dürfen wir uns, um nicht in Zukunftsängste zu geraten, nicht maßlos verausgaben und uns nicht so tief verschulden, dass wir dadurch unsere Freiheit verlieren. Wenn wir letztlich nicht dem Kahr ar-Rijal, also dem Zustand, von Menschen unterdrückt und gedemütigt zu werden, ausgeliefert sein wollen, der uns unsere Freiheit und unsere Würde nimmt, bedeutet das wiederholte Aussprechen all dessen im Bittgebet, dass wir die ersten Schritte einer geistigen Veränderung gehen. Habe ich die Ruhe, die Unabhängigkeit und die Würde, die dieses Bittgebet verspricht, ausreichend vermitteln können? 

Um den heutigen Tag nicht dadurch zu vergeuden, dass wir der Vergangenheit nachtrauern und uns um die Zukunft sorgen, um ein Ibn al Waqt, also ein Mensch des Augenblicks, zu sein, und um, indem wir Traurigkeit und Sorgen beiseitelegen, das zu tun, was im gegenwärtigen Moment getan werden muss, haben wir zwei grundlegende Dinge nötig. Das eine ist, zu wissen, was jetzt getan werden muss. Mit den treffenden Worten von İsmet Özel müssen wir wissen, „welches Wasser getragen und welches Holz gehackt werden muss“. Das Zweite ist, nichts aufzuschieben. Das eine weist auf das Wissen hin, das andere auf den Willen. Damit wir unser Wissen in Willenskraft und unsere Willenskraft in Handeln umsetzen können, brauchen wir auch Mut.

 Wenn der Mensch älter wird und erkennt, dass die Zeit, die ihm noch bevorsteht, kürzer ist als die Zeit, die hinter ihm liegt, begreift er, dass er keine Jahre mehr hat, die er mit Unentschlossenheit, Aufschieben und zerstreuten Interessen leichtfertig vergeuden kann. Die Zeit liegt nun nicht mehr so großzügig vor ihm, dass er Dinge in der Schwebe lassen und immer wieder von Neuem versuchen könnte.  

Dafür, diesen Mut nicht aufzubringen, gibt es viele Gründe, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Ich denke jedoch, dass Feigheit zu den wichtigsten dieser Gründe gehört. Selbst die Feigheit ist so haltlos und so zaghaft, dass sie den Menschen nicht offen angreift. Sie ist, wie der Name schon sagt, heimlich und schleichend. Mal tritt sie in Gestalt von Vorsicht auf, mal in der Gestalt von Gottvertrauen, und auf diese Weise erreicht sie ihr Ziel. Menschen, die sich nicht dazu durchringen können, einen für ihr Leben bedeutsamen Schritt zu wagen, fürchten in Wahrheit die Verantwortung, die mit dieser Entscheidung verbunden ist. Doch sie erkennen darin keine Feigheit, sondern halten sich selbst für vorsichtig und umsichtig. Sie warten immer darauf, dass irgendetwas geschieht. Irgendetwas wird geschehen und das, was sie sich wünschen, wird sich erfüllen. Wie der Held in Dino Buzzatis Roman „Die Tatarenwüste“ warten sie auf einen Krieg, der in einer abgelegenen Festung ausbrechen soll, in die sie ursprünglich nur für einige Monate gekommen sind. Sie warten auf den Heldenmut, den sie in diesem Krieg beweisen wollen, auf die Beförderung, die sie dafür erhalten werden, und darauf, mit dieser Beförderung von der Festung versetzt zu werden. Und während sie all dies erwarten, sterben sie, ohne jemals eine Entscheidung getroffen zu haben. 

Wenn der Mensch älter wird und erkennt, dass die Zeit, die ihm noch bevorsteht, kürzer ist als die Zeit, die hinter ihm liegt, begreift er, dass er keine Jahre mehr hat, die er mit Unentschlossenheit, Aufschieben und zerstreuten Interessen leichtfertig vergeuden kann. Die Zeit liegt nun nicht mehr so großzügig vor ihm, dass er Dinge in der Schwebe lassen und immer wieder von Neuem versuchen könnte. Die Sanduhr, die am Tag unserer Geburt in Bewegung gesetzt wurde, ist schneller geworden. Menschen, die dieses Alter erreicht haben, sollten deshalb besonders sorgfältig mit dem Wert des heutigen Tages umgehen. Sie sollten ihre Wünsche und Absichten schärfen, ihre zerstreuten Interessen sammeln und darauf bedacht sein, ihre Taschen zu füllen, bevor es heißt: „Auf geht’s.“ Sie haben keine Zeit mehr, Dinge aufzuschieben oder alles langsam anzugehen. Dabei müssen sie nicht einmal große Dinge vollbringen. Es reicht, wenn sie den nächsten Schritt nicht auf morgen verschieben. Denn diejenigen, die immer wieder sagen: „Später, später“, und so bis zum heutigen Tag gelangen, werden feststellen, dass vieles von dem, was sie vor zwanzig oder dreißig Jahren auf später verschoben haben, heute noch immer nicht verwirklicht ist. Und dieses Mal werden sie auch die schönen Tage im Paradies auf später verschieben. 

 Nehmen Sie den erfolgsorientierten Druck der Persönlichkeitsentwickler, der Ihnen das Gefühl gibt, als würde man Ihnen auf den Kopf treten und Ihnen den Atem nehmen, die von den sozialen Medien zur Schau gestellten inszenierten Lebensentwürfe und den Ehrgeiz, der den Zusammenhang zwischen Erfolg und Gutsein kappt und unsere jungen Menschen in einen erbitterten Wettbewerb treibt, nicht allzu ernst. Richten Sie Ihren Blick einfach auf den heutigen Tag, ja sogar nur auf diesen Augenblick, und bemühen Sie sich darum, diesen Augenblick in Frieden und Gelassenheit zu verbringen und Gutes zu tun.  

Während der Text so fortgeht, scheint er uns in eine Niedergeschlagenheit, ja mehr noch, in eine tiefe Erschöpfung hineinzuziehen. Dabei schreibe ich diese Zeilen mit einem spöttischen Lächeln im Gesicht. Denn ich weiß und habe gesehen, dass vieles von dem, was ich mit dem Gedanken „später“ aufgeschoben habe, zwar nicht eingetreten ist. Wenn ich diesen Tag jedoch leben konnte, indem ich auch nur einen Schritt im Guten vorangekommen bin, dann hat der Besitzer des Kommenden für diese Tage Dinge bereitet, die anders waren, als ich sie erhofft hatte, aber besser, als ich es mir hätte vorstellen können. Es gibt also keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Nehmen Sie den erfolgsorientierten Druck der sogenannten Persönlichkeitsentwickler, die Ihnen das Gefühl geben, unter ihrer Last kaum noch atmen zu können, die von den sozialen Medien zur Schau gestellten scheinbar perfekten Lebensentwürfe und den Ehrgeiz, der unseren jungen Menschen einen erbitterten Wettbewerb aufzwingt, indem er den Zusammenhang zwischen Erfolg und dem Gutsein eines Menschen außer Acht lässt, nicht allzu ernst. Richten Sie Ihren Blick einfach auf den heutigen Tag, ja sogar nur auf diesen Augenblick, und bemühen Sie sich darum, diesen Augenblick in Frieden und Gelassenheit zu verbringen und Gutes zu tun. Seien Sie gewiss: Wenn Sie heute zu den Guten gehören, wird auch das, was vor Ihnen liegt, gut sein. Und wer hat eigentlich gesagt, dass wir dafür verantwortlich sind, unser eigenes Leben und die Welt zu verbessern? Wir werden nur dafür zur Rechenschaft gezogen, dass wir uns auf diesem Weg bemühen. Unsere Aufgabe ist es, uns um den Weg und den Prozess zu bemühen, nicht das Ergebnis zu bestimmen. Die Ergebnisse erschafft Allah. 

Gerade deshalb sollten auch wir das prophetische Bittgebet, das uns dazu ermutigt, die Trauer über die Vergangenheit und die Sorge um die Zukunft hinter uns zu lassen, uns dem heutigen Tag zuzuwenden und das, was wir heute tun müssen, ohne Trägheit, ohne Angst, ohne Scheu davor, die erforderliche Mühe aufzubringen, und ohne Furcht vor dem Urteil anderer zu tun, wie Abu Umama immer wieder auf unseren Lippen tragen.