Zu den bekannten Aussprüchen, die dem Propheten Mohammed (sav) zugeschrieben werden, gehört die Aussage, dass das Streben nach Wissen ein Prozess sei, der von der Wiege bis zum Grab andauere. Nach Ansicht des verstorbenen schamischen Hadith-Gelehrten Abd al-Fattah Abu Ghudda (gest. 1997) handelt es sich bei diesem vielzitierten Ausspruch jedoch nicht um einen Hadith des Propheten, sondern um ein bekannt gewordenes Wort, das aufgrund seiner häufigen Verwendung große Verbreitung gefunden hat.
Die Bekanntheit dieses Ausspruchs ist allerdings keineswegs zufällig. Vielmehr ist sie Ausdruck einer tatsächlichen Gegebenheit in der islamischen Gelehrtentradition: des hohen Stellenwerts, den Muslime dem Wissenserwerb und der Bildung beigemessen haben. Diese Gegebenheit verdeutlicht zugleich die enge Verbindung zwischen dem Streben nach Wissen und der Bildung. Denn der Prophet Mohammed (sav) erklärte, dass Allah, der Erhabene, ihn als Lehrer entsandt habe. (Ibn Madschah, Muqaddima, 229) Auf dieser Grundlage sind auch seine Gefährten als seine Schüler zu betrachten. Ihre Verbundenheit mit dem Propheten und ihr großer Eifer, von ihm zu lernen, bilden zugleich eine Grundlage für den Respekt und die Wertschätzung, die bis heute das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden prägen. Abu Said al-Chudri (r.a.) überliefert, dass die Gefährten dem Propheten so aufmerksam zuhörten, als würden Vögel auf ihren Köpfen sitzen. (Buhari, Dschihad, 37) Diese Überlieferung zeigt uns, dass gegenseitiger Respekt und Achtung zu den grundlegenden Voraussetzungen für eine gelingende Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gehören.
In einem weiteren Hadith erklärte der Gesandte Allahs (sav), dass er gesandt worden sei, um die edle Moral zu vervollkommnen. (Muwatta, Husn al-Chuluq, 1) Damit wird zugleich das Ziel des Prophetentums deutlich: den Menschen zu sittlicher Vollkommenheit zu führen. Der Prophet Mohammed (sav), der als Lehrer gesandt wurde, wurde für seine Umma zugleich zur Quelle edlen Charakters und vorbildlichen Verhaltens. Der edle Lehrer Mohammed (sav) hat der gesamten Menschheit durch sein eigenes Vorbild gezeigt, dass das grundlegende Ziel von Bildung und Erziehung darin besteht, Menschen und Schüler mit einem guten und vorbildlichen Charakter heranzubilden. Ebenso zeigt sein Beispiel, dass sich die moralische Haltung eines Lehrers auf seine Schüler überträgt.
In einem Hadith verglich der Gesandte Allahs (sav) das Wissen, das Allah ihm geschenkt hatte, mit einem ergiebigen Regen. Zugleich erklärte er, dass der Boden, auf den dieser Regen fällt, von unterschiedlicher Beschaffenheit sein kann. (Buhari, ʿIlm, 20) Indem unser Prophet diese Unterschiede durch den Vergleich mit verschiedenen Arten von Boden verdeutlichte, teilte er die Menschen hinsichtlich ihrer moralischen Eigenschaften in drei Gruppen ein fruchtbare Böden, von denen man selbst Nutzen zieht und die zugleich anderen Nutzen bringen, trockene Böden, die anderen Nutzen bringen, von denen man selbst jedoch keinen Nutzen zieht, sowie ebene und glatte Böden, die weder selbst Nutzen hervorbringen noch anderen von Nutzen sind. Demnach sollte ein idealer Erzieher sowohl selbst von Nutzen sein als auch anderen Nutzen bringen. Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist das Licht, das von Lehrern ausgeht, deren guter Charakter in ihrem Wesen sichtbar wird. So wie die Fruchtbarkeit des Bodens im Gleichgewicht zwischen dem Sonnenlicht, das er empfängt, und dem Regenwasser liegt, so liegt auch der Nutzen, den die Wissenssuchenden aus ihren Lehrern ziehen, in der Aufrichtigkeit und dem guten Charakter, die sie von ihnen erfahren. So wie die Erde, aus der der Mensch erschaffen wurde, durch das Regenwasser zum Leben erwacht und gedeiht, so erwachen auch die Schüler durch das Wissen, das sie von ihren Lehrern empfangen, zum Leben.
Zweifellos gehört auch der Rat des Gesandten Allahs (sav), als er gemeinsam mit Muadh (ra) Abu Musa al Aschari (ra) nach Jemen entsandte, zu den wichtigsten Grundsätzen der Bildung: „Erleichtert und erschwert nicht. Verkündet frohe Botschaft und schreckt nicht ab.“ (Buhari, ʿIlm, 12) Dieser Hadith verdeutlicht, dass Bildung vom Einfachen zum Schwierigen fortschreiten und auf freiwilliger Bereitschaft beruhen sollte.
Zu den grundlegendsten Herausforderungen der heutigen Bildung gehören die Hindernisse, die sich den jungen und aufnahmefähigen Gemütern in den Weg stellen. Das Fehlen eines festen Zuhauses, das Fehlen eines oder beider Elternteile, mangelnde finanzielle Möglichkeiten und das Erleben von Gewalt gehören zu den häufigsten Problemen, mit denen Kinder und Jugendliche in ihrer Bildung konfrontiert sind. Diese Schwierigkeiten zu überwinden und Kindern und Jugendlichen Zugang zu guten Bildungsmöglichkeiten zu ermöglichen, gehört sowohl zu den Aufgaben des Staates als auch zu den Verantwortlichkeiten freiwilliger Organisationen, die sich für das Wohl der Gesellschaft einsetzen. In diesem Sinne kann das Prinzip der Erleichterung dahingehend verstanden werden, Kinder von allen materiellen und geistigen Belastungen und negativen Einflüssen zu befreien. Es steht außer Zweifel, dass bei der Entstehung dieser Schwierigkeiten auch ein säkulares Bildungsverständnis eine Rolle spielt, das die moderne Welt hervorgebracht hat und das von Religion und religiösen Werten losgelöst ist. Denn das Ziel von Bildung und Erziehung in der modernen Welt besteht darin, Menschen zu standardisieren, sie zu einem Teil der Konsumkultur zu machen und sie zu technologieabhängigen, gleichsam robotischen Wesen zu formen.
All dies zeigt uns, dass eine prophetisch geprägte Bildung und Erziehung auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen, der Respekt zwischen Schülern und Lehrern gewahrt werden und die Zahl der Lehrer zunehmen sollte, die sowohl den Menschen als auch sich selbst von Nutzen sind. All dies und noch vieles mehr findet sich in den Handlungen und Aussprüchen des Propheten Mohammed (sav). Wenn das Bildungsverständnis des heutigen Menschen aus dieser Quelle schöpft, wird es noch mehr Segen erfahren und zu einem Bildungsverständnis gelangen, das erleichtert, frohe Botschaft verkündet und keine Hindernisse kennt.