Sunna-Hadith
Hadithwissenschaften und -Sammlungen
 

Über den Wert der klassischen und modernen Hadithmethodologien

Für die Diskussion innerhalb eines Wissenschaftszweiges müssen eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsamer Stil verwendet werden, sowie auch die Behandlungsweise der Themen einer eigenen und gemeinsamen Basis bedarf.

Bis zum Modernisierungsprozess, welcher mit der europäischen Aufklärungsbewegung begann, war die Beziehung der Wissenschaftler und der Muslime allgemein zu den klassisch-islamischen Wissenschaften von existenzieller Art. Sie beschäftigten sich weniger mit dem Wesen der Methodologie (Usul), als vielmehr mit dem Ziel der Wissenschaften selbst. Mit der Modernisierung, welche den Bruch mit der Tradition mit sich zog, und der daraus unweigerlich hervorgegangenen Überlieferungs- (Isnad-) Krise, wurde eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Methoden der Wissenschaften unumgänglich. Die Suche nach einem gemeinsamen Nenner, einer gemeinsamen Methodologie oder wenigstens einer gemeinsamen Sprache, wurde notwendig, da die Hadithwissenschaften und -methodologien unkoordiniert und voneinander isoliert betrieben wurden.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass die Analyse der Positionen der verschiedenen Rechtsschulen im Bezug auf die Hadithmethodologie (Usul) und das Zusammenfassen dieser Methodologien auf einer gemeinsamen Basis als systematisch falsch angesehen werden könnte. Aus diesem Grund wäre es das Beste, auf einer Basis, auf der sich die Rechtsschulen gegenseitig auf eine objektive Art wahrnehmen können, und unter der Bedingung, dass jede Schule innerhalb der eigenen Methodensystematik bleibt, die Entwicklungsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte zu bestimmen und zu verstärken, welche eine Fortentwicklung der Methodologie (Usul) ermöglichen, ohne dass eine eklektische Hadithmethodologie entwickelt werden muss. Auf der anderen Seite sollte der Vorschlag einer konsequenten Methodensystematik (Usul-Systematik) eine eigene, spezifische ethisch-moralische Haltung beinhalten. Aus der Sicht der Methodensystematik und Systemkonsequenz sind Annäherungen, die wichtige Bereiche der Methodologie ablehnen, auf welche diese sich stützt, oder die darin enthaltenen Angaben umdeuten; oder auch möglicherweise ideologisch beeinflusste Annäherungen, höchst problematisch. Die Vorschläge für ein neues System sollten außerdem nicht durch den Zwang der Zeit beeinflusst oder von bestimmten Kreisen unterstützt sein, sie sollten also nicht auf nur aktuelle, bald wieder überholte Modeströmungen basieren. Eine "auswählende" Methode wird -wenigstens im Zusammenhang mit der Hadithmethodologie- nicht langlebig praktikabel sein.

Grundzüge der modernen Hadithmethodologien

Die heutigen Forderungen nach der Entwicklung von neuen Hadithmethodologien stützen sich auf die These, dass „die Hadithmethodologie seit Jahrhunderten festgefahren sei und deshalb keine Gültigkeit mehr habe, und die große Mehrheit der islamischen Gesellschaften daran glaube, dass die in den Bereichen ‚Hadith und Hadithwissenschaften‘, ‚Fachbegriffe und Methodologie‘ erreichten Positionen die bestmöglichen und als solche unveränderlich seien und dass mit den Bemühungen der bisherigen Gelehrten jegliches Problem zu den Hadith gelöst und jeder Aspekt untersucht sei und es keine Probleme gäbe, die ungelöst geblieben sind".  Auch wenn die Behauptungen in dieser Aussage richtig sein sollten, sind es oberflächlich geäußerte Auffassungen, und die Diskussion über die Hadithmethodologie darf nicht auf die unsachlich-dilettantischen Annahmen in der Gesellschaft aufgebaut werden, es muss eine vorrangig wissenschaftliche Bemühung sein. Es ist notwendig, dass die Diskussion zum Wesen der Hadithmethodologie auf theoretischer Grundlage und von Fachleuten diskutiert wird. Auch die angenommene vermeintliche Stagnation, die Ibn as-Salah zugeschrieben wird, stellt in diesem Rahmen nur eine Behauptung ohne Grundlage dar. Um die klassische Hadithmethodologie richtig verstehen zu können, muss zuerst von der Annahme, die Hadithmethodologie selbst sei die Quelle des Problems, Abstand genommen werden.

Mit den Forderungen nach einer modernen Methodologie wird versucht, deren Legitimation größtenteils auf die Beseitigung der klassischen Methodologie aufzubauen. Außer dem schon Aufgezeigten ist die Behauptung, die klassische Methodologie sei nicht nützlich, sondern unfruchtbar, das wichtigste Argument in diesem Prozess. Dabei hatten die islamischen Gesellschaften bis vor zweihundert Jahren mithilfe der klassischen Methodologie keine Probleme, in einen gesunden Kontakt mit den vorhandenen Quellen zu treten.

Aus welchen Beweggründen machte sich seit zweihundert Jahren, einer Zeitspanne voller Probleme, der Bedarf für einen Wandel spürbar, und wurde ein ganzheitliches Untergangsszenario entwickelt und die klassische Hadithliteratur in Verruf gebracht? Entstand diese Forderung aufgrund neuer Prioritäten der Gesellschaft aus dieser selbst, oder sind diese Entwicklungen durch den Einfluss von oben entstanden? Noch klarer formuliert heißt dies, dass folgende Frage ernsthaft untersucht werden muss: Da während der ganzen Periode der Aufklärung die Anweisungen und Lösungsvorschläge, welche der islamischen Welt geboten wurden, immer aus dem Westen kamen, muss, im Bezug auf die Vergangenheit, untersucht werden, was sich aus der Sicht der Muslime genau verändert hat: Sind es die Ziele, die Referenzgründe oder die Wertvorstellungen? Was ist passiert, dass die in der klassischen Periode als Erneuerung (tadschdid) oder Rückkehr zu den Quellen genannte Wiederbelebung sich plötzlich zu einem die Tradition zur Rechenschaft ziehenden Prozess umwandeln konnte?

In diesem Zusammenhang sollte die Beziehung zwischen den Vorschlägen für neue Methodologien, welche die klassische Methodologie für nichtig erklären, und der Orientalistik klar offengelegt werden.

Auf der anderen Seite müssen begreifbare Stellungsnahmen zum Wert der modernen Hadithmethodologien dargelegt werden, welche beweisen, dass diese die Funktion der klassischen Hadithmethodologie erfüllen können.

Anders ausgedrückt heißt dies, dass offen dargelegt werden muss, ob dies eine revisionistische Haltung ist mit dem Ziel, die Tradition vollständig zu beseitigen, oder eine erneuernde Haltung, oder gar, unter dem Deckmantel der Erneuerung, eine Bemühung der Legitimation von modernen Annäherungen.

Außerdem darf keine der neuen methodologischen Ansätze das Potenzial für eine Veränderung oder gar Aufhebung der Koranverse oder Hadith (nas) beinhalten.

Wenn es das Ziel ist, mit der vorhandenen oder einer neuen Methodologie die Authentizität der Überlieferungen zu bestimmen, müssen diese Überlieferungen unbedingt vorrangig aus Sicht der überliefernden Gelehrten, der Schüler und dem Umfeld untersucht werden. Wenn bei neuen Methodologien Interpretationen beschränkt auf fiktionalen Verhältnissen basierend gemacht und bewertet werden, ohne die Situation der Gelehrten und der Schüler zu berücksichtigen, bringt dies große Probleme mit sich. In diesem Sinne muss die neue Methodologie, genau wie die klassische, einen Schwerpunkt auf das Thema der Tradenten (Ridschal) setzen. Das heißt, die vorgeschlagene Methodologie muss ihrem Thema entsprechen.

Die Grundvoraussetzung für das Fortbestehen einer vorgeschlagenen neuen Methodologie und die Garantie für deren Weiterentwicklung bestehen darin, von Emotionalität und Einseitigkeit abzusehen. Die neuen Methodologievorschläge müssen aufgrund der ihnen zugrunde liegenden streitbaren Haltung überdacht und auf ihre Herkunft hinterfragt werden. Eine solche Haltung wäre unausgewogen und nicht objektiv. Bei einer Kritik der klassischen Methodologie sollte die gesamte Methodologie berücksichtigt werden und die Kritiken sollten innerhalb der Logik des Systems und der dazugehörenden Literatur geäußert werden.

Hatiboğlu, İbrahim, Klasik Hadis Usulü ve Çağdaş Hadis Metodolojilerin Değeri Üzerine, Islami Usullerde Metodoloji Meselesi, II/785-799, Istanbul 2005
 

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