Leben (Sira)
Sira (Biografie des Propheten)
 

18 - Die ersten Aktivitäten des Propheten in Medina

Die Hidschra ist eines der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit. Sie ermöglichte, dass Mohammed (sav) sein Auftrag als Prophet unter besseren Bedingungen erfüllen konnte und trug somit zur Verbreitung des Islam bei. Die größten Ziele des Propheten waren das Verkünden der Koranverse, das Lehren der Religion durch beispielhaftes Leben und die Steigerung der Anzahl der Gläubigen, die dafür sorgen sollten, dass die Religion unverändert an die nachkommenden Generationen weitergegeben wurde. Mit diesem Ziel entschloss er sich, gewisse Regelungen aufzustellen und Maßnahmen zu ergreifen. Durch seine Taten, seine Befehle und Empfehlungen brachte er die Muslime dazu, gottgefällige Menschen zu sein und bemühte sich, Brüderlichkeit und soziale Solidarität unter ihnen zu verbreiten. In diesem Zusammenhang wollte er, dass man sich gegenseitig begrüße, sich um die Armen kümmerte, Verwandtenbesuche nicht vernachlässigte und dass man auch nachts, wenn alle anderen schliefen, das Gebet praktizierte. Er versprach ihnen als Gegenleistung das Paradies.

Man brauchte vor allem eine Moschee, ein Zentrum für das muslimische Volk. Während der Zeit in Mekka hatte dieses kaum Möglichkeiten gehabt, zusammen zu beten und dem Propheten zuzuhören. Nachdem die Zahl der Muslime in Medina, besonders nach dem ersten Bay'a von Akaba, gestiegen war, hatte As'ad b. Zurara einen Platz ummauert - der zum Trocknen von Datteln benutzt wurde und sich auf dem Landstück befand, wo später die Masdschid al-Nabawi gebaut werden würde - und lies hier eine Masdschid bauen, deren Qibla (Gebetsrichtung) nach Jerusalem ausgerichtet war. Obwohl damals die Muslime in Mekka noch kein Freitagsgebet praktizierten, betete das Volk von Medina hier als eine Gemeinde. Mohammed (sav) entschied sich, an dem Ort eine Masdschid bauen zu lassen, wo sein Kamel sich am Tag seiner Ankunft in Medina niedergelassen hatte und kaufte deswegen dieses Landstück, das zwei Waisenkindern namens Sahl und Suhayl gehörte. Während der sieben Monate dauernden Bauarbeiten der Masdschid al-Nabawi, blieb Mohammed (sav) bei Abu Ayyub al-Ansari zu Gast und hier schworen ihm die Männer aus Medina ihre Treue. In einem anderen Haus schworen auch ihm auch die Frauen Treue. Die Masdschid al-Nabawi war eine von den zwei Masdschid (die andere war die von Quba) die der Prophet persönlich hatte bauen lassen, sie hatte drei Pforten und ihre Qibla war nach Jerusalem gerichtet. Bis die Gebetsrichtung, sechszehn oder siebzehn Monate nach der Hidschra, den Ayat (al-Bakara, 149-150) entsprechend, geändert und zur Kaaba ausgerichtet wurde, führte man das Gebet in Richtung Jerusalem aus.

Die Masdschid al-Nabawi war eine Gebetsstätte. Während der Asr al-Saada (Epoche des Glücks; der Zeitabschnitt, in dem der Prophet lebte) war es aber vorrangig ein Zentrum der Lehre, der Schulung und anderer Aktivitäten des Propheten. In ihr wurden politische und militärische Entwicklungen diskutiert und hier wurden Entscheidungen getroffen. Es war auch in der Masdschid al-Nabawi, in der Verletzte geheilt, Kriegsgefangene oder Verbrecher in Gewahrsam gehalten, Kriegsbeuten aufbewahrt, muslimische Stammeskomitees, Botschafter und Gäste bewirtet und einquartiert, gerichtliche Prozesse geführt, Trauungen verkündet und verschiedene Veranstaltungen und Zeremonien durchgeführt wurden. Mohammed (sav) erfüllte all seine Pflichten als Prophet in seiner Masdschid und in seinem benachbarten Haus, verkündete und erklärte hier die neu offenbarten Koranverse. Gleichzeitig wurde hinter der Masdschid al-Nabawi ein mit Dattelästen bedeckter Sonnenschutz -genannt Suffa- gebaut, damit sich bedürftige Muslime und Gefährten, die hier ausgebildet werden wollten, dort niederlassen konnten. Die Gefährten, die sich dort aufhielten, wurden Ashab al­-Suffa bzw. Ahl al-Suffa (die Suffa-Gefährten, die Leute der Suffa) genannt. Wenn Mohammed (sav) diplomatische Komitees zusammenstellte oder Helfer für die Verbreitung des Islam brauchte, wurden die Ahl al-Suffa eingesetzt.

Gleich nach der Hidschra verbrüderte der Prophet die Migranten mit jeweils einem Mitglied der einheimischen Stämme Aws oder Khazradsch. Diese Regelung wurde Muakhat(*) genannt und sie war ein wichtiger Schritt zur Vereinigung des muslimischen Volkes, indem sie ermöglichte, dass die Immigranten, die ihr Hab und Gut in Mekka gelassen hatten, finanziell und moralisch unterstützt wurden. Die Muslime in Medina akzeptierten die Immigranten, wie leibliche Geschwister und teilten für eine Weile ihr Zuhause mit ihnen, wie sie es dem Propheten im Treueschwur von Akaba versprochen hatten. Sie wollten zusammen mit ihrem Eigentum auch ihre Dattelplantagen und ihr restliches Vermögen mit den Neuankömmlingen teilen. Die Immigranten wiesen dieses noble Angebot jedoch dankbar zurück. Daraufhin verkündete Mohammed (sav), dass die Einwohner von Medina weiterhin über die Eigentumsrechte verfügen sollten, dass die Immigranten aber, als Gegenleistung zur Arbeit, Teilhabe an der Ernte haben könnten. Dieser Akt der Solidarität zwischen den in Medina lebenden Muslimen und den Auswanderern wurde im Koran wie folgt gelobt: "Diejenigen, die glaubten und ausgewandert sind und sich mit ihrem Vermögen und mit ihrer eigenen Person auf dem Weg Gottes eingesetzt haben, und diejenigen, die (jene) untergebracht und unterstützt haben, sind untereinander wahre Freunde." (al-Anfal 8/72). Die Muslime aus Medina, die den Immigranten halfen, wurden Ansar (Helfer) genannt. Nach der Verbrüderung durften die Immigranten für einige Zeit auch Miterben der Ansar werden (al-Anfal 8/72), doch nach der Gazwa von Badr wurde dies nur direkten Verwandten erlaubt (al-Anfal 8/75). Durch die Verbrüderung hatte Mohammed (sav) nicht nur dafür gesorgt, dass arme Immigranten versorgt wurden, sondern auch dafür, dass eine Mentalität der Brüderlichkeit herrschte, die nicht die Stammesangehörigkeit, sondern die Religionsangehörigkeit in den Mittelpunkt stellte. Außer der Erbschaftsregelung blieben alle Regelungen der Muakhat(*), wie gegenseitige Unterstützung und das gegenseitige Erteilen von Ratschlägen, für immer gültig. Nach einer Weile wurden diese Regelungen verallgemeinert und hiermit wurden alle Gläubigen Brüder (al-Hudschurat 49/10).

Die Auswanderung nach Medina dauerte bis zu der Eroberung von Mekka. In den ersten Jahren in Medina, als Menschen aus Mekka oder aus der Umgebung Medinas kamen, um dem Propheten Treue zu schwören, setzte er voraus, dass sie nach Medina einwanderten. Außerdem gefiel es ihm nicht, wenn die Immigranten Medina wieder verließen und er betete zu Allah mit dem Wunsch, die Hidschra möge dauerhaft und fruchtbar sein. Mit der Verantwortung als letzter Prophet wollte er sicherstellen, dass die Religion die er verkündete, von einer großen Gemeinde praktiziert und gelernt wurde, unverändert an die nachkommenden Generationen überging und bis zum Jüngsten Tag erhalten bleiben werde. Seine Bemühungen haben sich in der Tat als sehr fruchtbar erwiesen; die Muslime, deren Anzahl zunahm und stärker wurde, erzielten Erfolge in ihren politischen und militärischen Kämpfen. Schließlich, nachdem der Erfolg der Muslime im achten Jahr (630) mit der Eroberung Mekkas gekrönt wurde, befahl der Prophet: "Nach der Eroberung wird es keine Hidschra mehr geben" (Tirmidhi, "Siyar", 33). Hiermit war es für jene, die den Islam annahmen, nicht mehr notwendig nach Medina auszuwandern, Mohammed (sav) verlangte jedoch, dass sie, wenn gerufen, am Dschihad teilnahmen.

Zur Zeit der Hidschra des Propheten nach Medina gab es dort, wie überall in der Hidschazregion, keinen organisierten Staat. Jeder Stamm lebte unter der Leitung seines Hauptes. Außer den Stämmen Aws und Khazradsch, gab es in Yathrib auch drei jüdische Stämme namens Banu Qaynuqa, Banu Nadir und Banu Qurayza, von denen man nicht weiß, wann sie in die Stadt gekommen waren. Mann weiß jedoch, dass die Aws und die Khazradsch ununterbrochen miteinander Konflikte hatten und dass ein Teil der Juden den einen, und ein anderer Teil den anderen Stamm unterstützte. Es gab keine Verwaltungsstruktur, die das ganze Volk einbezog. Nachdem er durch die Muakhat(*) für Einheit und Solidarität unter den Muslimen gesorgt hatte, wollte Mohammed (sav), dass die jüdischen Stämme, die noch nicht Muslime gewordenen Araber und die Muslime in Frieden und Sicherheit miteinander lebten. Um die möglichen Lösungen und Bedingungen hierfür zu diskutieren, versammelte er die Vertreter aller Gruppen im Haus von Anas b. Malik. Er überzeugte sie davon, dass sie sich als ein Stadtstaat organisieren sollten, und ließ die getroffenen Entscheidungen schriftlich verfassen. Der in den Quellen als "kitab" oder "sahifa" erwähnte, und von manchen Wissenschaftlern als "das erste schriftliche Grundgesetz" angesehene Pakt existiert noch heute. Es beinhaltet Themen wie: Ruhe und Ordnung in der Stadt, das Abwehren potenzieller, externer Bedrohungen, die Entscheidung über eine Autorität, die die rechtlichen Konflikte zwischen Bürgern beheben sollte und das Festsetzen einiger ökonomischer Verpflichtungen. Besonders die Juden wurden darum gebeten, sich im Falle einer externen Bedrohung gegen Medina mit den Muslimen zusammenzutun und sich nicht mit den Quraisch zu verbünden. Auch wurde entschieden, dass alle Seiten Kriegskosten, Löse- und Blutgelder mit eigenen Möglichkeiten zahlen müssten, rechtliche Entscheidungen autonom treffen sollten und falls es zu Streitigkeiten zwischen zwei verschiedenen Seiten kommen sollte, Mohammed (sav) die letzte Autorität war. Außerdem wurde klar zum Ausdruck gebracht, dass Juden und Muslime über Religions- und Gewissensfreiheit verfügten. Einer der Artikel des Paktes war: "Für diejenigen die hier erwähnt werden ist das Tal von Yathrib ihr Haram" (Haram: heiliger Ort, heiliges Gebiet). Der Prophet beauftragte Ka'b b. Malik mit der Festsetzung der Grenzen Medinas, mit der Masdschid al-Nabawi im Zentrum. Ab jenem Zeitpunkt wurden alle politischen und militärischen Aktivitäten diesen Grenzen entsprechend durchgeführt. Der Prophet ließ einen Marktplatz in Medina errichten und bestimmte den Stadtteil Baki als Friedhof. Hiermit verwirklichte er das erste Beispiel einer Stadtplanung, bestehend aus einer Moschee im Zentrum, einem Regierungsgebäude (Sitz des Staatsoberhauptes und der Regierung), einem Markt, einem Friedhof und den Stadtvierteln, was später das klassische islamische Stadtmodell wurde.

Eine andere neue Regelung die im ersten Jahr der Hidschra (622 n. Chr.) eingeführt wurde, war der Adhan (türk. Ezan), der Aufruf der Muslime zum rituellen Gebet. Erzählt wird auch, dass der Adhan erst im zweiten Jahr der Hidschra offiziell wurde. Obwohl das rituelle Gebet schon in Mekka Pflicht geworden war, hatte man sich, bis der Prophet nach Medina auswanderte, keine Lösung dafür überlegt, wie man dem Volk die Gebetszeiten ankündigen konnte. Die Zeit in Mekka war dafür auch nicht geeignet gewesen. Doch in Medina hatten die Muslime die Möglichkeit, öffentlich zu beten, und ihre Anzahl steigerte sich täglich. Also überlegte Mohammed (sav) zusammen mit seinen Gefährten, was man unternehmen könnte, damit die Muslime die kommende Gebetszeit erfuhren und sie zusammen mit der Gemeinde beten konnten. In Überlieferungen wird erzählt, dass Abdullah b. Zayd. b. Sa'laba, in jener Zeit in einem Traum der Adhan beigebracht wurde und er dem Propheten davon erzählte. Der Prophet bat ihn, die Verse des Adhan Bilal al-Habaschi beizubringen, da dieser über eine laute und kräftige Stimme verfügte. Danach ging Bilal auf das Dach eines hohen Hauses und vollzog den allerersten morgendlichen Gebetsruf. Später wurde hierfür hinter der Masdschid al-Nabawi eine spezielle Erhöhung gebaut. Hiermit wurde der Adhan zum Kennzeichen des Islam und der Anwesenheit von Muslimen. Bis heute wird er überall auf Erden fast rund um die Uhr gerufen und lädt die Menschheit zur Verehrung Allahs ein.


 



(*)Muakhat: Verbrüderung zwischen jeweils einem der Auswanderer (Muhadschir) und einem Helfer (Ansar).

 

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